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28.04.2008 - sl - Dunkle Wolken über der Rizzanese
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Wer in diesem Jahr das Rizzanese-Tal hinaufgefahren ist, konnte die Arbeiten am Dammprojekt nicht übersehen. Seit September letzten Jahres wird am Staudamm für den mittleren Rizzanese gebaut. Das Vorhaben scheint, trotz eines zu erwartenden finanziellen Desasters, nicht mehr zu stoppen, zu sein. Peter Lintner hat von seinem Korsika-Trip einige traurige Fotos mitgebracht, der WWF liefert die Fakten.

Foto rechts:
Dammprojekt Rizzanese/Codi | Peter Lintner


Foto oben: Dunkle Wolken am oberen Rizzanese | Peter Lintner

20 Jahre lang haben zahlreiche örtliche Vereine, die Gemeinde Zonza, die Fédération de Pêche de Corse und vor allem die ADRE, die Vereinigung zur Verteidigung des Rizzanese und seiner Umwelt, gegen einen Staudamm am oberen Rizzanese gekämpft. Auch im letzten Frühjahr folgten noch viele Kanuten einem Aufruf von Raphael Thiebaut und Joel Doux um im anstehenden Genehmigungsverfahren ein Zeichen zu setzen. Es schien noch nicht zu spät zu sein.

Im letzten Herbst dann die Ernüchterung, die Électricité de France EDF konnte die letzten Genehmigungen einfahren und begann im September mit den Vorbereitungsarbeiten. Wie weit diese schon voran geschritten sind, davon konnte man sich in diesem korsischen Frühjahr ein Bild machen. Der ehemals schmale und nur mit Geländewagen zu befahrende Weg hinunter zu Winnetous Wacht gleicht einer Schotterautobahn. In der Macchia wurde eine großzügige Aussichtsplattform frei geschoben und Informationstafeln aufgestellt.
Foto: Bauarbeiten am Auslass des Druckstollens unterhalb Zoza | Peter Lintner


Fotos oben: Schotterpiste und Aussichtsplattform an Winnetous Wacht April 08 | Tobias Nietzold, Peter Lintner

Von hier aus wird in den kommenden Jahren der Blick, anstelle auf den Zusammenfluss von Rizzanese und Codi, auf die Baustelle für die große Staumauer fallen. Das gleiche Bild ergibt sich unterhalb von Zoza, an der unter Denkmalschutz stehenden römischen Kapelle Saint-Jean Baptiste. Eine breite Schotterstraße führt hinunter zum Fluss und dort beginnen schon die Arbeiten am Auslass des Druckstollens.

Direkt an Winnetous Wacht am Zusammenfluss von Rizzanese und Codi wird eine 40 Meter hohe Staumauer errichtet. Das Becken wird ein Stauvolumen von einer Millionen m³ Wasser besitzen (Sylvensteinspeicher der Isar 124m³ zum Vergleich). Trotz des recht geringen Stauvolumens werden aufgrund des steilabfallenden Tales große Teile des Codis und des Rizzaneses im Stau verschwinden. Im Moment geben blaue Landmarken eine Markierung für die zukünftige Stauhöhe. Der Codi wird nach Schätzungen wohl bis zum Fall an der Alten Mühle verschwinden. Beim Rizzanese ist es nicht abzuschätzen. Nach dem Stau fließt das Wasser in einen unterirdischen 12 Kilometer langen Druckstollen durch den Berg und wird so zum Elektrizitätswerk am unteren Rizzanese geleitet. Der Wiedereinlass befindet sich unterhalb des letzten schweren Kataraktes des mittleren Rizzanese. Der obere und mittlere Rizzanese werden damit wohl fast immer trocken liegen, denn die garantierten 10% Restwasserabgabe reichen für eine Befahrung niemals aus.


Fotos oben: Leider ersetzte das eine Schild bald das andere | kajak.at Archive, Sebastian Lüke

„Unverhältnismäßig erscheinen die Dimensionen. Mit geschätzten Kosten von 150 Millionen Euro und einem prognostizierten Jahresproduktion von 80 GWh würde gerade einmal 4% des Strombedarfs der „Ile de beauté“ gedeckt“, so der WWF. Dabei stehen die Produktionskosten in keinem Verhältnis zu denen eines konventionellen Kraftwerks. Auf der anderen Seite zerstört der Damm den unvergleichlichen Reichtum an Flora und Fauna des Rizzanese. Die ökologische Durchlässigkeit für wandernde Fischarten, wie Aal und Forelle, wäre komplett zerstört, denn die versicherte Restmenge Wasser würde nicht für einen fließenden Fluss reichen. Das Wasser würde wohl auf halber Strecke versickern. Die Grundlage für Kanusport, Sportfischerei und ein Bad an einem warmen Sommertag gehörten damit der Vergangenheit an. Das dies dann wohl verboten ist - eher ein sarkastisches Zeichen.

Foto: Aufklärungsarbeit am Rizzanese | Sebastian Lüke

Auch die Strände südlich von Propriano könnte es laut WWF treffen. Der Damm behindert den Sedimenttransport und davon leben nun einmal die Strände. Sie wurden im Rahmen des europäischen Projekts Natura 2000 inventarisiert und gelten als besonders schützenswert. Auf Grund des fehlenden Sediments werden sie sich stark verändern.

Nicht außer Acht lassen, darf man allerdings die Überlegungen hinter dem Kraftwerksprojekt. So soll der Damm nicht nur der Stromgewinnung dienen, sondern auch Wasser für die Landwirtschaft speichern. Wer die karge zerklüftete Landschaft rund um den oberen Rizzanesse allerdings kennt, wird sich fragen wo hier extensive Landwirtschaft betrieben werden kann und ob dies nötig ist. Zu dem steht das Kraftwerksprojekt in einem größeren Kontext. Die korsische Regionalregierung strebt die Unabhängigkeit vom Festlandsstrommarkt an. Bei einer Leistung von 55MW des Wasserkraftwerkes (durchschnittliches Kohlekraftwerk 700MW zum Vergleich), würden sich jedoch andere regenerative Energien als Alternative anbieten. „Ein Windpark aus 20 Maschinen würden einen weit geringeren ökologischen Schaden bedeuten“, so der WWF. Insgesamt werden auf Korsika schon 30% des jährlichen Strombedarfs aus Wasserkraft gewonnen, weit mehr als der französischen Landesdurchschnitt von 13%.

Foto rechts: Unverwechselbar und schützenswert | kajak.at Archive


Fotos oben: Bald Bilder der Vergangenheit: Fliegen am hohen Fall der Rizzanese und am Codi | kajak.at Archive, Tobias Nietzold

Immer wieder nannte die EDF die Schaffung von Arbeitsplätzen als Argument für das Kraftwerksprojekt. Von den Arbeitern während der Bauphase werden nach der Fertigstellung des Dammes allerdings nur noch wenige überbleiben. Die Steuerung wird zentral aus Ajaccio geregelt. Von den versprochenen 200 Arbeitsplätzen für die lokale Bevölkerung wurden während der Vorbereitungszeit fast keine geschaffen.


Nach Auskunft der EDF soll mit dem Einstau 2012 begonnen werden. Die letzten Befahrungen des Codi und der Rizzanese in voller Länge finden also vorraussichtlich im Frühjahr 2011 statt. Um diesem nicht tatenlos zuzuschauen, rufen der WWF und seine Partner die EDF noch einmal dazu auf: „ihren bisherigen Weg zu überdenken und Studien über die Möglichkeit einer alternativen Entwicklung in Auftrag zu geben“. Inwieweit dies bei den fortgeschrittenen Arbeiten noch durchführbar ist, bleibt fraglich.

Text: Sebastian Lüke

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